Schuld an Allem war meine Großmutter!



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Lutz Lorenz, Dortmund

Schuld an Allem war meine Großmutter!
Weil meine Großmutter, Cornelia Lorenz, die Tochter des Kasseler Bahnhofwirts Gagel, ihren Goldjungen Cornelius Paul Theodor Lorenz, meinen Vater, näher bei sich haben wollte, lockte sie ihn zurück mit einer Vertretungs- bzw. Nachfolgestelle des Braumeisters Jonigkeit nach Heilsberg in Ostpreußen. Vater hatte sich nach dem Studium in Berlin in der Zeit der wenigen Stellen in Deutschland (Anfang 1930) nach San Salvador aufgemacht und freute sich dort seines Lebens als Braumeister. Er wäre viel lieber dort geblieben. Aber Olympische Spiele und die Aussicht auf ein paar schöne Tage in Berlin, lockten ihn dann doch über den Teich zurück.
Meine Mutter, Susanne Kuhpfahl, in Düsseldorf aufgewachsen, war als Voraussetzung zum Studium durch den Reichsarbeitsdienst auch in Heilsberg gelandet. Der Name Kuhpfahl ist eine deutsche Version des polnischen Kowal.
Beide waren jung und ohne weitere Bindung. Es war wohl eine Geburtstagsfeier. Der Rest ergab sich: Heirat, Kinder, Kriegsdienst in der Marine, Verwundung, Lazarett in Görlitz.

Der zweite Besuch bei meinem Vater in Görlitz war nur möglich mit der Auflage, dass meine Mutter alle Kinder mitnehmen müsse. Wie es dazu kam, wissen wir bis heute nicht. So verließen wir Ostpreußen schon im November 1944 und kamen um den ganzen Schlamassel herum, den die in Ostpreußen festgehaltene Bevölkerung später bei der Flucht erleben musste. Über diese Ereignisse liest man besser z.B. bei Andreas Kossert „Damals in Ostpreußen“. Wir schafften es relativ ungeschoren bis in den Westen zu Verwandten in die Nähe von Köln.


In der neuen Heimat wurden wir nur ungern aufgenommen. Man sagte zu uns: „Du bisene Flüschling, ne Rucksackdeutsche oder Du Pollack.“ Als Kinder nahmen wir das nicht so ernst bzw. regelten das gelegentlich handgreiflich. Wir und die Einwohner unserer neuen Heimat nannten Ostpreußen und andere östlichen Teile, aus denen Flüchtlinge gekommen waren, „Kalte Heimat“. Kossert benutzt den Ausdruck in seinem Buch „Kalte Heimat“ anders, er bezeichnet so den Westen. Obwohl ich einen Flüchtlingsausweis A habe, sehe ich mich inzwischen eher so wie die Polen die Situation von Erika Steinbach, in Ostpreußen geboren aber kein richtiger Ostpreuße. Das liegt sicher zunächst an meiner Mutter, die, obwohl nicht in Ostpreußen geboren, unsere Erinnerung an Heilsberg immer wach gehalten hat. Aber mehr in dem Sinne, dass uns recht klar war, dass wir wohl nicht damit rechnen sollten, nach Heilsberg oder in die Nähe „zurückzukehren“. Sie muss sich sehr wohl gefühlt haben mit Kindermädchen Nadja, Haushaltshilfe Maria und dem ganzen Drumherum in der St. Georgs Brauerei. Die Schwester meines Vaters war irgendwie auch in der Nähe, so dass man einige Male in Cranz an der See Urlaub machen konnte. Der Krieg war weit weg. Namen tauchten in den Erzählungen immer wieder auf: Dr. Warkalla, der Kinderarzt und natürlich Jonigkeit, der Braumeister, der während der Abwesenheit meines Vater wieder seine alte Stellung als Braumeister einnahm. Maria heiratete später im Westen Herrn Skotki.
Die Herkunft und die ständigen Diskussionen in der Familie haben dazu geführt, dass ich mich immer wieder mit den Gebieten hinter dem eisernen Vorhang beschäftigt habe und naturgemäß auch, nachdem er endlich verschwunden war. Andererseits trug der Einfluss meines Stiefvaters, der als geborener Rheinländer und Bauer eher ein distanziertes Verhältnis zu den „Preußen“ hatte, dazu bei, nicht allzu sehr unter den Einfluss der Vertriebenenverbände zu geraten. Im Rheinland ging man nicht zum Militär sondern zu den Preußen, was nicht sehr beliebt war. Ich bin eher ein angelernter Rheinländer. Dies sollte sich im Bezug auf Polen noch als Vorteil erweisen. Der Rheinländer kann Fünf gerade sein lassen.
Meine Frau hat ähnliche Anknüpfungspunkte. Ihre Familie stammt z.T. aus Schlesien. Ihr Großvater arbeite bei der Preußischen Ansiedlungskommission. Ihr Vater ist in Gnesen geboren.
In der Schule gehörte Polen für uns zum Ostblock und war weit weg. Es spielte keine große Rolle. Es gab viele Klischees aber auch Verbindungen. Im Bettelstudent: die Polin hat von allen Reizen die nettesten vereint usw. / Beim Militär in Marschliedern: in einem Polenstädtchen usw. / Namen, die schwierig auszusprechen waren, aber zum täglichen Leben gehörten. In der Klasse meiner Schwester tauchten seltsame Namen auf, neben Hundgeburt auch Prczybyzim. Die richtige Aussprache blieb hängen. Auf dem Hof meines Onkels brachte der alte Kandziorra den Bullen auf die Weide. Kein anderer traute sich.
Die späteren konkreteren Erfahrungen mit Polen gliedern sich grob in drei Phasen: vor bzw. mit der Mauer; nach bzw. ohne die Mauer und die Zeit nach der Pensionierung.
Phase I: Der Kampf mit „Rokita“, dem Bauernteufel
Nach Schule, Wehrdienst, Studium der Verfahrenstechnik und Forschung kam ich 1973 zum Chemieanlagenbauer Uhde nach Dortmund. Mein erstes eigenes Projekt wurde für „NZPO Rokita“ in Brzeg Dolny bei Breslau geplant und gebaut. Es war eine Chloralkali-Elektrolyse, die Chlor, Wasserstoff und Natronlauge in flüssiger und fester Schuppenform produzieren sollte. Der Rohstoff: Steinsalz aus Kudowa und Siedesalz aus Janikowo und natürlich elektrischer Strom aus Kohle. Ich habe die Anlage verfahrenstechnisch berechnet, ausgelegt und später, Ende 1976, mit in Betrieb genommen. In dem Geschäft war ich ein Neuling genauso wie im Umgang mit Polen. Wir waren häufig in Brzeg Dolny und unsere Kunden in Dortmund. Die ursprüngliche Anlage wurde während des zweiten Weltkriegs von den IG-Farben errichtet. Trotz dieser Vorgeschichte wurden wir herzlich empfangen und behandelt. Es ist nur einmal vorgekommen, dass wir als Hitlerowiec beschimpft wurden. Der Mann war jedoch stark angetrunken und der Wirt hat ihn schnell beiseite geschoben.
Während des Projektverlaufs kam es zu zahlreichen Begebenheiten, die mir / uns die Mentalität und die Lage der polnischen Mitmenschen vor Augen führte. Es war mein erster unmittelbarer Kontakt zu Polen, der sehr nachhaltig auf mich gewirkt hat. Der Unterschied wurde uns erst richtig bewusst, als wir zwei Jahre später ein wesentlich größeres Projekt in der DDR zu bearbeiten hatten. Aber vielleicht einige Episoden aus den alltäglichen Umgang.
Wir kamen mit Westgeld, Autos, Pässen zur Ein- und Ausreise und vielen Möglichkeiten in ein Land, dem man noch deutlich die Narben des zweiten Weltkriegs ansehen konnte. Manchmal dachte ich, so müssen sich die Amerikaner bei uns nach dem Krieg gefühlt haben. Ob sie sich allerdings so geschämt haben wie meine Frau, als wir sie losgeschickt hatten, um für eine Feier Sekt und Schokolade zu besorgen, und sie sich in einer Schlange wieder fand, in der die Leute für ein halbes Pfund Butter anstanden, bezweifele ich.

Zuerst wohnten wir im Novotel in Breslau. Das war üblicher französischer Standard. Das Hotel war noch recht neu. Wir hatten keine Probleme, da alles fast wie zu Hause vorhanden und zu bekommen war. Aber bald darauf war diese Herrlichkeit zu Ende, weil unser Oberchef – heute muss ich ihm Recht geben – der Meinung war, wir müssten vor Ort leben. Er habe früher mit der Wolldecke hinter der Messwarte geschlafen. Also Umzug nach Brzeg Dolny in die Provinz. Wir bezogen Zimmer im Piast, scherzhaft Grandhotel Piast genannt. Es war das ehemalige Feierabendhaus der Fabrik noch aus IG- Farbenzeiten. Hier wie auf allen späteren Baustellen kam mir die Zeit zu Gute, die mich nach der Flucht in einfachen Unterkünften, oder beim Militär, auch nicht weiter gestört hatten, solange es warmes Wasser, Heizung, ein ordentliches Bett und regelmäßiges Essens gab. Das gab es alles, wenn auch mit einigen Umständen und nicht so regelmäßig. Zum Frühstück gingen wir in einen Kiosk neben dem Hotel und bekamen nach einiger Eingewöhnung sogar Rührei mit Zwiebeln, was die Köchin zunächst nicht machen wollte. Sie kannte es nicht. Es gab dunkles Brot, Butter, Marmelade und alles andere, wenn auch etwas einfacher als im Novotel. Nur an den Würfelzucker konnten wir uns zunächst nicht gewöhnen. Er schien waterproof. Später erfuhr ich von einem Freund aus der Zuckerbranche, das sei wohl Würfelzucker mit Stärkebindung gewesen. Der löse sich bei zuviel Stärke nur schlecht. Abends, häufig ziemlich spät, wenn es im Hotelrestaurant nur noch die Reste gab, fanden wir uns zum Essen ein. Wir lernten aber schnell mit der Köchin und der Bedienung soweit ein Verhältnis aufzubauen, dass wir immer noch etwas bekamen. Das Schwierigste war die ausreichende Bierversorgung. Nach einer Weile begriffen wir, dass die Kellnerinnen nur ein begrenztes Kontingent je Abend hatten und dann abrupt nichts mehr bringen konnte. Wir lösten das, indem wir gleich zu Anfang einen Kasten bestellten und hinter dem Vorhang verbargen. Dort blieb er auch gleich kalt. Soscha die ältere Bedienung nahm uns unter ihre Fittiche und sorgte für uns. In den Zimmern konnten wir sogar angerufen werden und hatten eigene Toiletten. Verglichen mit den Wohnungen der einfachen Arbeiter ging es uns sicher gut.


Die örtliche Projektarbeit verrichteten wir in einer Baubaracke außerhalb des eigentlichen Anlagengeländes. Eines Abends nach der Arbeit wollte ich noch etwas aus der Messwarte, wo wir die anderen Unterlagen hatten, holen und ging dazu auf kurzem Wege quer über die Gleisanlage. Aus Unaufmerksamkeit geriet ich mit einem Fuß genau zwischen die Schwellen und kugelte mit den rechten großen Zeh aus. Mein Kollege Knut brachte mich zum Sanitätsstützpunkt. Dort trafen wir einen Pfleger der sich die Sache anschaute und einen Verband mit Zugsalbe um den Fuß schlang und mich dann nach Hause schickte. Natürlich hörten die Schmerzen nicht auf. Eine Weile später suchten wir die Station wieder auf und baten um einen Arzt. Der kam dann auch. Als er sah, was los war, fing er fürchterlich an zu lachen. Er gab mir eine Betäubungsspritze und renkte den Zeh mit lautem Knack wieder ein.
Während des Betriebs hatten wir in der Messwarte, von wo aus die Anlage gesteuert wurde, Übersetzer, die sich im Schichtbetrieb abwechselten. Es waren zwei sehr gebildete Damen. Sie konnten gut Deutsch aber auch Französisch. Im Lauf der Zeit wagten sie es, uns darum zu bitten, auf der nächsten Reise Modehefte und Kataloge mitzubringen, damit sie daraus Anregungen entnehmen konnten für die eigenen Kleidungsprojekte. Im Gegensatz zum eher einheitlichen, will nicht sagen langweiligen DDR-Look der nächsten Baustelle, hatten die Polen immer irgend etwa Pfiffiges an und sei es nur eine besondere Kopfbedeckung. Wir nahmen Hefte mit und konnten sie auch über die Grenze bringen. Manchmal gab es etwas Schwund an der Grenze, indem die dortigen Leute auch einige Hefte bekamen samt Kugelschreiber, eher wohl nicht zum Ausfüllen der Kreuzworträtsel. Das Hauptproblem bei diesen Gefälligkeiten waren nicht die polnischen sondern die DDR- Grenzer. Etliche Male mussten wir sie in die Schranken weisen, da es sich um Transit handele und ihre polnischen Kollegen schon wüssten, was sie täten. Das erforderte auch einen Lernprozess, den Grenzern gegenüber Rückgrad zu zeigen.
An der Grenze musste man belegen, wie viel Geld man ein- und wieder ausführte. Natürlich stimmte die Bilanz nie. Die Lösung dieses Dilemmas war verblüffend einfach. Zum Einen stand auf der Rückseite des entsprechenden Formulars in etwa: „Jeder Ausländer ist berechtigt jedem Polen Devisen zu überlassen“. Zum Anderen antwortete ein Kollege einmal auf die Frage des Grenzbeamten bei der Ausreise: „Bei der Einreise hatten Sie 500,-- DM, bei der Ausreise haben Sie nur noch 50,-- DM. Aber offiziell haben Sie nur 100,-- DM umgetauscht. Wo ist der Rest?“ „Oh, die Mädchen sind so teuer!“ Er durfte fahren.
Wir waren jung und mit zunehmender Laufzeit des Projekts, das sich gut entwickelte, wurden wir mutiger bzw. eher leichtsinniger. In den Reisedokumenten unter dem Visum gab es einen Stempel, der bestimmte, ob man Devisen umtauschen musste oder nicht. Normalerweise war es mit einem Vermerk versehen, der zum Devisenumtausch verpflichtete – wir nannten es den „podlego“ - Stempel. Später gab es auch einige, mit „zwolniony“, d.h. ohne Umtausch-Pflicht. Er war jedes Mal in einer anderen Form und extra aufgestempelt, was man an der Farbe sehen konnte. Also ließen wir uns einen eigenen „Zwolniony“ Stempel machen. Keiner fiel damit auf.
Daraus zu folgern, polnische Behörden seien einfältig oder nachlässig, wäre falsch. Wir hatten eher den Eindruck, dass sie andere auf das Wesentliche gerichtete Prioritäten hatten, sie konnten besser mit dem täglichen Chaos umgehen. Heute wäre das mit Computern etc. sowieso undenkbar und zum Glück Dank Schengen auch überflüssig.
Meine Frau reiste mit den Kindern nach Polen ein. Der Grenzbeamte bat sie nach der Kontrolle, ob sie wohl jemand mit nach Breslau nehmen könne. Meine Frau stimmte zu. Es war ein junger Pole, der sich als Reiseleiter sein Geld verdiente. Da er die Besuchergruppe nur bis zur Grenze betreute, suchte er eine Gelegenheit zur Rückreise. Ich glaube nicht, dass ein deutscher Grenzer so etwas gemacht hätte.
Der Ortspolizist Jan Kynal mochte meinen Kollegen Knut nicht. Er beobachtete mit Argusaugen, was wir so abends im Hotelrestaurant machten. Eines Abends beschlossen wir wieder mal einen nächtlichen Ausflug nach Breslau zu unternehmen. Da Knut etwas Alkoholisches getrunken hatte und ich nicht, sollte ich den BMW fahren. Gesagt getan; wir kamen zur Bahnüberführung und siehe da: unser Freund Kynal. Er hielt uns an und öffnete die Fahrertür. Als ob er einen Spuk gesehen hätte, zuckte er zurück. Ich sagte nur: „Tylko Herbata!“ und wir dachten, das war’s mal wieder. Aber Jan Kynal war auch nicht auf den Kopf gefallen. Kurz vor der Brücke hatte ich einen Radfahrer überholt. Das darf man nicht in Polen. Mit dem Hinweis: „Rower!“ konnte er dann doch einen Obulus einkassieren.
Um Fragen zu klären riefen wir gelegentlich von Dortmund aus in Brzeg Dolny an. Die Telefongespräche mussten bei der polnischen Zentrale angemeldet werden. Es dauerte häufig einen halben Tag bis ein Gespräch durchging. Mein Kollege, der alte Charmeur Wrobel, sprach perfekt Polnisch. Als die Vermittlerin wieder antwortete: „Bitte warten Sie!“ Antwortete er schlagfertig: „Auf Sie warte ich meine ganzes Leben!“ Das Gespräch kam in fünf Minuten.
Zum Jahresende 1976 durften die Familien mit Kindern Weihnachten zu Hause verbringen. Die anderen blieben in Brzeg Dolny und betrieben die Anlage. Wir kamen ein paar Tage später zurück und durften uns für einige Tage im Hotel Panorama in Breslau einquartieren, um dort Sylvester zu feiern. Obwohl wir unseren Töchtern versprochen hatten, sie um Mitternacht zu wecken, taten wir das nicht, weil ein Kollege meinte ihre Töchter, die auch im Hotel waren, würden sicher durchschlafen. Nicht so unsere beiden. Kurz nach Mitternacht tauchten sie Hand in Hand wie zwei kleine Engelchen auf und waren sehr böse auf uns. Wir haben dann eine Weile mit ihnen auf dem Arm weitergetanzt, sehr zur Freude der mitfeiernden polnischen Gäste.
Das Leben im Werk war nicht ungefährlich. Zurück von der Heimreise, bevor wir ins Quartier kamen, fuhren wir noch im Werk vorbei, um alles Mitgebrachte, Ersatzteile usw. auszuladen. Aber als ich in meinem Zimmer im Grandhotel „Piast“ ankam, fiel mir vor Schreck fast das Gebiss raus. Auf meinem Kopfkissen lag ein Blumentopf und auch sonst herrschte ein großes Durcheinander, aber nicht nur in meinem Zimmer. Die ganze Gegend sah wie nach einem Bombenangriff aus. Überall waren Fenster ohne Scheiben. Überall im Ort Militär, das offensichtlich half, wieder Ordnung zu schaffen und neue Fensterscheiben einzusetzen. Was war los gewesen? Mit einem Riesenknall war früh am Morgen eine Druckwelle durch den Ort gerast. Alles dachte „Nowa Elektrolysa?!“. Aber es war etwas viel schlimmeres passiert. Ein Wagon mit Ethylenoxid war hinter einer Lagerhalle explodiert und hatte diese mit ihren 30x30 cm Betonstützen auf ganzer Länge niedergewalzt. Die Druckwelle hatte die Verkleidung unseres Salzlagers weggefegt und im Ort fast alle Fensterscheiben zerbrochen. Zum Glück war niemand zu Schaden gekommen. Vielleicht ein paar Schnupfen, weil die Leute in Panik im Nachthemd auf die Strasse gelaufen waren, oder einige Schnittwunden, weil sie in Scherben getreten waren. Später stellte sich heraus, dass der Wagon noch am Vortag in Breslau auf dem Hauptbahnhof gestanden hatte. Er kam von Nordpolen und war dort irrtümlich an eine Ammoniakleitung statt an eine Stickstoffleitung zur Entladung angeschlossen worden. Die Zugabe von Ammoniak startet bei normalen Temperaturen eine stark exotherme Rektion, die ziemlich spontan abläuft und zur Explosion des Kesselwagens führt, wenn nichts unternommen wird. In dem Winter hatten wir aber extrem kalte Temperaturen. So blieb die spontane Druckerhöhung aus bzw. verzögerte sich durch die starke Kühlung. Der Rangiermeister hatte den Wagen in die hinterste Ecke des Werkes hinter die Lagerhalle schieben lassen. Als wir schon einige Zeit wieder zu Hause waren, hörten wir von der Bestrafung etlicher Beteiligter. Sie hatten offensichtlich von der Sache gewusst und gehofft, dass die Rokitaleute etwas machen könnten, dabei aber das Risiko einer Katastrophe in Kauf genommen.
Später „gelang“ uns unsere eigene Explosion. Zur Erzeugung von festen Natronlaugeschuppen, muss man Natronlauge durch Vakuum und Hitze eindampfen. Die Energie dazu erzeugten wir mit einem Wasserstoffbrenner, in dem der eigen erzeugte Wasserstoff verbrannt wurde. Wegen des geringen Vordrucks unserer Gebläse war es schwierig, eine stabile Flamme zu erzeugen. Während der Probefahrten kam es dann zu einer Verpuffung und die Isolierung um den Ofen, der durch den Brenner geheizt wurde, flog durch die Gegend. Sie lag überall verstreut um die Anlage herum. Da der Termin drängte, wurde intensiv um eine Lösung verhandelt. Dazu hatten wir den Brennerhersteller aus der Schweiz eingeladen. Doch eines Morgens mussten wir feststellen, dass der Mann das Handtuch geworfen hatte. Er war verschwunden. Zum Glück kannte unser Oberchef jemand bei der MAN, die sehr schnell für Ersatz sorgte.
Mein Kollege und Freund Knut Papajewski und ich beschlossen, über das Wochenende von Brzeg Dolny nach Heilsberg zu fahren. Er hatte den besseren Wagen (BMW 2800), der aber genauso wie mein alter Renault R4 mit dem polnischen Benzin gut klar kam. Also nahmen wir den BMW. Für mich war es das erste Mal nach der Flucht, dass ich nach Ostpreußen kam. Im Kopf hatte ich ein ganz anderes, flacheres Landschaftsbild. Es sah aber aus wie um Ploen und Umgebung in der holsteinischen Schweiz. Beeindruckend war auch die Weite. Menschen tauchten aus dem Nichts am Straßenrand auf und verschwanden mit ihrer Angelausrüstung wieder im hohen Ried auf der anderen Straßenseite.
Im Schloß in Heilsberg wollten wir Postkarten kaufen. Wir fragten im Restaurant nach. Aber man verstand uns nicht so recht, verwies uns aber an die Frau an der Garderobe. Sie würde wohl noch Deutsch können und wüsste wo und wie. Also zur Garderobe. Auf unsere Frage, ob sie vielleicht Postkarten zu verkaufen hätte, antwortete sie in breitestem Heilsberger Dialekt: „Ja wissen se, da wo se de Zejtungen kaufen kennen, da jibt es jewiss auch Postkärtchen. Jehnse nur de Straße lank und nich wejt von hier wernse was finden“. Im Reflex antwortete ich: „Schenen Dank jute Frau! Das wern wer denn so machen!“ Mein Freund, entsetzt: „Mach sie nicht so nach!“ „Wieso, sie kennt die Sprache doch gar nicht anders.“ Er ist 10 Jahre jünger als ich und erst in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater kommt aus Ostpreußen.
Meine Frau kam alleine zu Besuch, es war Herbst, nass und kalt. Tagsüber waren wir in der Anlage. Sie nutzte die Zeit um die Umgebung, auch Breslau, zu besuchen. Sie parkte den R4 auf dem Parkplatz an der Uni gegenüber der Markthalle. Beim Wegfahren streikte der R4. Beim Anschieben halfen einige Studenten, obwohl sie ausgerechnet durch eine große Pfütze mussten. Einer der Studenten kommentierte: „ Dies ist ein schlechtes Auto, es muss repariert werden.“ Sonst machte das Auto nie Ärger. Ich hatte es auf der belgischen Baustelle von einem Kollegen für symbolische 75 DM gekauft. Solange die Baustelle in Polen lief, blieb es dort. Prompt wurde ich bei der Rückfahrt an der Grenze in Helmstedt von einem Grenzschützer wegen versäumten TÜV- Termins angezeigt. Die Richterin glaubte mir aber, wenn es in Polen einen TÜV gegeben hätte, dass ich dort hingefahren wäre, und stellte das Verfahren ein.
Als ich einmal in Breslau mit dem Auto war und dort parkte, hielt mich ein Miliziant an und meinte, das Auto sei zu schmutzig. Das war neu für mich. Er meinte aber „Drugi ras nie wolny“ und ließ mich fahren.
Im Lauf unserer Arbeit erzählten mir die polnischen Kollege, dass Rokita der Bauernteufel sei. Boruta, der Namensgeber eines anderen Chemiewerks, sei der Teufel für die Adligen. Ganz schöner Luxus und das in einem kommunistischen Land. Ebenso irritierte mich der ständige Gebrauch von „Jesus, Maria, Josef“, wenn etwas schwierig wurde oder schief ging.
Der eigentliche Betriebsleiter und Vertragspartner Pan Pazek war ein außerordentlich kluger Mann und geschickter Verhandlungsführer. Obwohl er offensichtlich eine schlimme Vergangenheit unter den Deutschen erlebt hatte, war er in der Lage, das von unserer Arbeit zu trennen. Es flammte nur ganz selten in Stresssituationen auf. Bei ihm lernte ich den Spruch bzw. sein Motto: „Ich bin zu arm um mir billige Ausrüstung leisten zu können.“ Er konnte Deutsch. Sein Stellvertreter Eugenius Muszinski konnte das zunächst nicht. Lernte es aber im Lauf der Zeit zu unserer Überraschung recht gut. Da ich später in anderen Firmen arbeitete, ging der Kontakt zu ihm, der eher in meinem Alter war, verloren.
Unsere Kontakte zu Pan Pazek waren auch nach dem Abschluss der Arbeiten gut. Er besuchte uns 1978 auf unserer Baustelle in der DDR. Mit Pan Pazek konnte man vernünftig umgehen.
Die stellvertretende Leiterin des Labors hatte einen griechischen Namen. Es stellte sich heraus, dass im Lauf des griechischen Bürgerkriegs nach dem zweiten Weltkrieg, ihre Eltern in Polen Zuflucht gefunden hatten. Sie war geblieben.
Die Projektverhandlungen waren in der Regel nach Feierabend und immer sehr anstrengend. Wir waren nicht an den Konsum von Wodka gewöhnt. Es wurde gnadenlos nachgeschenkt. Obwohl wir lernten, auch ausreichend Wasser dazu zu trinken, waren wir mit wenigen Ausnahmen am anderen Tag nur bedingt einsatzfähig. Als ich bei einigen Sitzungen den Wodka in das Wasserglas zurücklaufen ließ und dann im Blumentopf entsorgte, ging das nur eine Weile gut. Der ausschenkende Pole wachte mit Argusaugen darüber, dass wir so etwas nicht machten und rügte mich entsprechend.
Bei einer dieser Sitzungen kam es zu einer für uns merkwürdigen Aussage der polnischen Ingenieure. Wir hatten über die neuesten politischen Entwicklungen gesprochen, die ja mit den Ostverträgen im Verzicht auf die Gebiete der Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze mündeten. Die Polen meinten, so einen Verzicht würden sie nie unterschreiben, sie verstünden die Deutschen nicht, obwohl es zu Polens Vorteil sei. Sie hätten auf die „Wiedergewonnenen Gebiete“ 700 Jahre lang nicht verzichtet. Wir haben das Thema nicht weiter vertieft.

Den Einfluss der westdeutschen Politik auf die polnische Seite konnte ich bei einem Spaziergang zur Eisenbahnbrücke über die Oder erkennen. Dort lagen zwei Gleisstränge. Einer endete auf der Brücke. Ich frug mich, warum wohl? Dann sah ich die beim Walzen eingeprägten Jahreszahlen: 1956. Damals wurde die Bundeswehr gegründet. Ich nahm an, in dem Moment waren sich die entsprechenden Eisenbahnplaner nicht mehr so sicher, Geld in ein Gebiet zu stecken, aus dem sie vielleicht doch wieder hinausgeschoben würden.


Als wir noch im Novotel in Breslau wohnten, hatten wir eines Tages abends zusammen gesessen und auch einen Wodka getrunken. Später kamen wir auf die Idee, noch in die Stadt zu fahren. Auf der Fahrt in die Stadt fuhr ein Streifenwagen der Miliz neben uns. Wir haben ihm wohl zu fröhlich zugewinkt. Wir wurden angehalten. Ich musste blasen und prompt wurde das Röhrchen grün. Verängstigt durch die Indoktrination der Kollegen, ja seinen Pass nicht herauszugeben und wohl auch in der allgemeinen Unsicherheit dem Ostblock gegenüber, gab ich meinen Pass zunächst nicht heraus. Ein Fehler. Nach einigem Hin- und Her, einschließlich Rückfahrt zum Hotel landeten wir schließlich auf einer Polizeiwache und ich wurde für eine Nacht in die Arrestzelle im Keller gesperrt. Es war ein relativ kleiner Raum. Auf einer Pritsche bzw. Holzpodest von ca. 2 x 5 m lagen schon acht Delinquenten. Ich bekam eine Wolldecke, die anderen rückten ein wenig und wir schliefen. Morgens gab es Margarinestullen und Muckefuck. Einige konnten Deutsch und spekulierten, was man mit mir wohl machen würde. Ich selbst hatte mächtige Angst, vor dem was wohl kommen könnte. Die anderen verschwanden nach und nach. Ich musste noch bleiben. Schließlich kam doch jemand und brachte mich in einen Verhörraum, in dem ein älterer Herr auf mich wartete. Er fragte mich über Gott und die Welt aus. Als er mitbekam, dass ich in der Marine gedient hatte, wollte er auf einer Karte gezeigt bekommen, wo meine Kommandos gewesen waren und wo die Schiffe lagen. Schließlich kam er zum Schluss, dass er das alles auch in der Zeitung hätte lesen können. Ich stimmte ihm zu. Im Lauf der Befragung stellte sich heraus, dass der Mann vom Geheimdienst war. Eigentlich wollte er von mir, dass ich ihn über die Baustelle auf dem Laufenden hielt. Dazu sollten wir uns in Wołów regelmäßig treffen. Da ich in der Klemme saß und auch glaubte, sie wüssten sowie so, was da los war, sagte ich zu. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass mein Gegenüber viel aufgewühlter war als ich, da er offensichtlich schlimme Erinnerungen an die Zeit der deutschen Besetzung hatte. Ich musste mich mächtig zusammenreißen und war dann heilfroh, als ich ohne weitere Aktion gehen konnte. Ich bin sofort ausgereist und habe mit meinen Vorgesetzten gesprochen. Wir vereinbarten dann, dass ich wieder nach Brzeg Dolny fahre und weiterarbeite. Sobald aber irgendein Kontaktversuch oder andere Repressalien erfolgen würden, sollte ich sofort wieder ausreisen. Das hieß den Reisepass am Mann und kleines Gepäck mit den wichtigsten persönlichen Sachen immer bereit. Es ist nie etwas nachgekommen. Wir hatten den Eindruck, dass der Generaldirektor von Rokita eingegriffen hatte mit der Maßgabe: „Lasst die Leute in Ruhe, wir können keine Störung gebrauchen, wir müssen mit dem Projekt pünktlich fertig werden. Wir brauchen die Devisen, die wir durch die vereinbarten Lieferungen nach Westdeutschland erwirtschaften können.“
Später konnte eine Auswahl von Rokita Mitarbeitern durch unsere Vermittlung in der Elektrolyse des Libyschen Kunden in Abu Kammash die Betriebsführung übernehmen.
Die Kontakte zu Rokita wurden über die Jahre gepflegt. Als ich schon nicht mehr bei Uhde war, hörte ich, dass der Umbau der Anlage auf die neue umweltfreundlichere Membrantechnik der Elektrolyseure auch wieder von meiner alten Uhde Abteilung gemacht worden ist. Wir haben uns wohl doch recht ordentlich benommen. Der Abschluss des zweiten Neubauabschnitts ist im Internet für 2015 angekündigt.
Phase II: Pipelines, Zubehör und Raffinerien
1992 bis 1996 arbeitete ich bei Pipeline Engineering in Essen. Ich war für die Projekte außerhalb der deutschen Gaswirtschaft zuständig. Im Auftrag der EU befassten wir uns z.B. mit der Ausschreibung des untertägigen Gasspeichers bzw. seiner übertägigen Einrichtungen in Mogilno auf Seiten des Kunden PNIG / POGC (Polish Oil and Gas Company). Mit dem Kunden zusammen besuchten wir später die Weltbank in Washington D.C. Wir stießen zunächst auf Ablehnung, weil die Verfahren in unserer Ausschreibung etwas anders waren als nach Weltbank Standard üblich. Wir konnten erreichen, dass POGC die Kredite bekam, indem wir auf die Arbeitsweise in „pod klucz“ Projekte früherer Uhde Zeiten hinwiesen. Die Ausbauphase wurde auch von uns begleitet.
Elżbieta war eine Ingenieurin in einer anderen Abteilung. Ich fragte sie, ob sie die deutsche Staatsangehörigkeit habe. Nein, sie habe das abgelehnt, obwohl sie diese in Folge ihrer Heirat hätte bekommen können. Warum also nicht? Sie habe keinen deutschen Hintergrund und hätte ihre polnische Staatsangehörigkeit aufgeben müssen. Ja und? Die deutschstämmigen Aussiedler aus Polen dürften beides haben. Also wolle sie unter diesen Umständen auch keine deutsche Staatsangehörigkeit haben. Alle Achtung!
Bei Edeleanu (Raffinerieplanung und Bau) in Alzenau, später eine Uhde-Tochter, hatten wir Kontakte zur Raffinerie in Danzig. Es ging um Dienstleistungen, Erfahrungsaustausch und Technologie bei Kraftstoffentschwefelung. Ein Kollege kam aus Danzig und hatte in der Raffinerie seine ersten Erfahrungen gesammelt. Als wir bei unserer Masurenfahrt später auch an der Raffinerie vorbeikamen, wirkte sie besser in Schuss als etwa Wesseling oder Karlsruhe.
Ein junger Kollege frug mich eines Tages: „Wie komme ich nach Poznan? In einem Auftrag sollten wir Ausrüstungsteile von dort bekommen und der Kollege wollte den Lieferanten besuchen. „Nach Posen? Ganz einfach, fliegen sie nach Berlin, leihen sich ein Auto und fahren eben mal rüber. Besser: Fahren sie mit der Bahn nach Berlin und dann weiter nach Posen. Dann mit dem Taxi zum Lieferanten. Ein Beispiel unserer heutigen Erziehung, Polen kommt nur am Rand vor. Ihm war nicht bewusst, wie weit Berlin im Osten liegt, ganz dicht an Polen.
Phase III: Nach der Pensionierung:

Inzwischen waren wir viermal in Polen zu Urlaubs- und Rundtouren alle mit einem gewissen Nostalgieeffekt. Wir waren in Kolberg, Danzig, Ermland und Masuren und auch zweimal in Breslau. Wir überredeten den Busfahrer, einen Abstecher nach Heilsberg zu machen, das zunächst nicht auf der Route lag. Später bereute er das. Die Durchfahrten waren so niedrig, dass er den Bus einschließlich Reifendruck absenken musste, um durchzukommen.


Im Schloß von Heilsberg suchten wir, meine Schwester und ich, nach einem Taxi, um von der Gruppe getrennt unser Geburtshaus zu besuchen. Es gab keins, aber der Museumsleiter, den wir nach dem Taxi gefragt hatten, erklärte sich sofort bereit, uns hinzufahren. Es war alles so wie früher, nur das kleine Gartenhaus gab es nicht mehr. Inzwischen war eine Fischhandlung im Brauereigelände untergebracht. Die Bierverteilung war nach Bartenstein verlegt worden, auch dort wurde nicht mehr gebraut. Der Trend zur Zentralisierung hat auch Polen erreicht.
In einer Wallfahrtskirche bei Allenstein, den Namen habe ich vergessen, trafen wir einen polnischen Unternehmer, der reihenweise Marienstatuen aus Westdeutschland mitgebracht hatte, um sie in der Kirche weihen zu lassen. Er nahm sie dann wieder mit und verkaufte sie.
In Heilige Linde und Oliva hörten wir der Orgel zu. Wie immer bei Orgelvorführungen warteten wir, wann und ob Toccata und Fuge von Bach kommen würde. Es kam beide Male.
Auf unserer ersten Breslaureise mit dem IBB- Dortmund hatten wir Gelegenheit, die Synagoge „Zum weißen Schwan“ zu besuchen. Der Rabbiner zeigte uns die Synagoge, soweit zugänglich – sie war in einer Renovierungsphase – und ließ uns in die Thora schauen. Er freute sich, dass die Gemeinde durch den Zuzug von Juden aus Osteuropa wieder wuchs, bedauerte aber gleichzeitig, dass auch in der ehemals liberalsten Gemeinde Europas die konservativen die Oberhand gewinnen. Die Frauen müssten wieder hinter einem Vorhang getrennt von den Männern sitzen. Beim zweiten Besuch an der Synagoge hieß es, man baue sogar einen eigenen Eingang für die Frauen, den es ursprünglich nicht gegeben hat. Ähnliche Tendenzen werden in deutschen Gemeinden beklagt.
Die Fahrt von Görlitz nach Breslau konnten wir in einem Regionalexpress machen, einfach so, es ging ganz glatt, wie wenn wir von Dortmund nach Aachen fahren.
Auf dem Weg von und nach Rokita hatten wir die alte Autobahn benutzt, wenn wir über Forst einreisten, die zwar schon als Trasse die volle Breite hatte. Aber nur eine Bahn aus Beton war benutzbar. Die andere Seite war noch mit Birken bewachsen. Bei unserer letzten Polenreise im Frühjahr 2012 konnten wir über die neu ausgebaute Autobahn nach Breslau ohne Halt ein- und ausreisen. All die Kontrollen waren überflüssig geworden. An der Grenze hielten wir einer Kaffeepause und vielleicht einiger Souvenirs wegen.
Auf unserer zweiten Breslaureise, besuchten wir den Geburtsort unserer Freundin in der Nähe von Jauer. Der örtliche Pfarrer zeigte uns die kleine Kirche. Sie war wunderschön renoviert und ausgemalt. Er hatte es geschafft, einen Maler vom Niederrhein für die Arbeiten zu begeistern, der sonst nichts mit der Gegend zu schaffen hatte. Vorher hatten wir noch die imposante Holzkirche in Jauer selbst besucht.
Der Abstecher ins Waldenburgische war ein Albtraum. Joanna Bator schildert recht drastisch die Übergangszeit nach dem zweiten Weltkrieg in ihrem Buch Piaskowa Gora / Sandberg. Was wir vorfanden, war die Zeit danach, der traurige Rest. Die Kohlegruben sind geschlossen. Weiter hinten im Wald lebten zwar auch noch Menschen, aber wir konnten nicht erkennen wovon.
Die Autobahn und die daran gelegenen Einrichtungen dagegen sahen aus wie bei uns. Besonders die Zufahrt nach Breslau, das sich in der Vorbereitung der Fußball EM befand. OBI, Spar, bekannte Automarken und die üblichen Verdächtigen hatten Schilder oder Gebäude an den neuen Industriezonen entlang der Autobahn. Überall wurde gebaut. Die Stadt lebt. Ob wir alle kleinen Bronzezwerge erwischt haben, wissen wir nicht. Sie stehen und sitzen in der ganzen Stadt. Später, wieder zu Hause, verfolgten wir dann die Spiele im neuen Stadion, das wir vorher am Ende der Bauphase leider nur von außen betrachten konnten. Zur Rückfahrt vom Stadion in die Stadt war uns das Bargeld ausgegangen für die Straßenbahnfahrkarten. Der Kartenautomat funktionierte mit Kreditkarte. Später berichtete mein Freund, das sei gebührenfrei gewesen.
Wie schon beim vorigen Besuch, als wir um Mitternacht noch auf dem Rynek gesessen und Bier getrunken hatten, vergnügten sich die Studenten auf der Oderinsel. Mit Gitarren und anderen Instrumenten wurde Musik gemacht. Man freute sich des Lebens. Am anderen Morgen war alles verschwunden, auch die Flaschen und Büchsen.
Als ich in Rokita arbeitete, lernte ich ein wenig Polnisch, gerade soviel, dass ich abends, wenn wir in einer Kneipe gefragt wurden, was wir denn da machten, polnisch antworten konnte. Die Handbücher für die Anlage waren in Deutsch verfasst, aber die Schilder in der Anlage selbst, die Medien- und Apparatebezeichnungen waren für die Bediener natürlich in Polnisch. Insofern hatte ich ein gewisses Gerüst und konnten auch ohne unsere Dolmetscher kurze Anweisungen geben. Das reichte aber nicht sehr weit. Also beschloss ich nach meiner Pensionierung, diesen Grundstock weiter auszubauen. Offensichtlich geht das in meinem Alter aber nicht mehr so einfach wie damals. Vieles kommt mir sehr bekannt vor, aber die Hemmschwelle der spontanen freien Rede und des Verstehens konnte ich noch nicht überwinden. Ich muss mich immer gut vorbereiten, wenn ich etwas verständlich ausdrücken möchte. Das Wissen über polnische Geschichte, das Verhältnis zu Deutschland, Kultur, Sitten und Gebräuche im Lande hat aber durch die Stunden in der VHS erheblich zugenommen. Etwa die grandiosen Filme von Andrzej Wajda, wie Pan Tadeusz, Katyń und jetzt wieder neu Ziemia Obiecana. Oder die Leistungen von Marie Skłodowska-Curie, Chopin, Jan Matejko und vielen anderen. Die Nachbarschaft Deutschlands und Polens konnte man in der überwältigenden Ausstellung „Tür an Tür“ im Jahr 2011 in Berlin bewundern. Sie zeigte, dass die guten Zeiten zwischen Polen und Deutschland durchaus länger dauerten als die schlechten, die allerdings noch deutlicher in Erinnerung sind.
Es macht Spaß, einmal in der Woche in der VHS- Gruppe zusammen zu sitzen, auch wenn einige wesentlich besser zurechtkommen als ich. Ich muss halt noch mehr dranbleiben.
Polen spielt eine bedeutende Rolle als östlicher Nachbar von Deutschland. Mit dem Deutsch- Französischen Freundschaftsvertrag begann eine sehr erfolgreiche Periode der europäischen Geschichte. Aus Gegnern wurden Freunde. Warum sollte es mit Polen nicht genauso gehen?

Polen braucht Deutschland und umgekehrt. Mit dem Beitritt Polens und der baltischen Staaten zur EU wurde Russland weiter nach Osten zurückgedrängt. Polen könnte ein Mittler sein. Andererseits wurde Polen z.B. mit der Nordstream- Pipeline umgangen und ausgeschlossen. War das eine gute Idee? Wahrscheinlich nicht. Es gab die Pläne aber schon zu DDR- Zeiten!


Wir haben seit dem 2. Weltkrieg fast (bis auf Balkan-Konflikte) keinen Krieg mehr in Europa gehabt, d.h. 67 Jahre Frieden. Das kommt nicht von selbst. Man muss sich darum bemühen.

Jeder Einzelne.


Dortmund, April 2013 Lutz Lorenz

Literatur:
Andreas Kossert; Damals in Ostpreußen; Pantheon Verlag, August 2010

Andreas Kossert; Kalte Heimat; Siedler Verlag, 2008

Joanna Bator; Sandberg (Piaskowa Gora); Suhrkamp; 2012

Katalog zur Ausstellung „Tür an Tür“, Berlin 2011, Dumont



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