Von P. K. Sczepanek


Autonomes Südtirol - "Die verstehen nicht, dass wir keine Italiener sind"



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Autonomes Südtirol - "Die verstehen nicht, dass wir keine Italiener sind"


Vor 50 Jahren erklärte der "Befreiungsausschuss Südtirol" Italien den Unabhängigkeitskrieg. Die Bürger forderten Autonomie – so wie einige bis heute. Von Nadja Wolf
Foto: picture alliance / Arco Images G/Arco Images GmbH

Blick auf Bozen, Hauptstadt des Landes: Mehr als zwei Drittel der Bozener sind italienischsprachig – landesweit sprechen fast 70 Prozent deutsch, knapp 30 Prozent italienisch

Sepp Mitterhofer trägt eine blaue Arbeitsschürze über seiner Kleidung. Er sitzt in seiner Bauernstube in Meran vor einem grünen Kachelofen, auf dem Tisch steht eine Schale mit glänzenden Äpfeln aus dem eigenen Garten.

Die Leute nennen ihn Terrorist, Zündler und Aufhetzer. "Ich bin auch dabei gewesen – war fast führend. Ich hab auch gesprengt", sagt er. Als Freiheitskämpfer wollte er die Umsetzung des Autonomiestatus erzwingen, der nach dem Zweiten Weltkrieg ausgehandelt, aber nur zum Teil umgesetzt worden war. Acht Jahre hat er dafür im Gefängnis gesessen und Folter ertragen.


Foto: Nadja Wolf

Mitterhofer: Nur eine Übergangslösung


Heute besitzt Südtirol weitgehende Autonomierechte, aber für Mitterhofer kann das nur eine Übergangslösung sein. Er und seine Leute bereiten sich auf den Tag vor, an dem sich Südtirol unabhängig erklären wird. Wenn jemand das für eine Illusion hält, regt ihn das auf, aber er lächelt dennoch, und seine blauen Augen blitzen triumphierend zwischen den faltigen Lidern hervor: Im Kosovo hätten sie es doch auch geschafft.

Mitterhofer spricht einen starken Tiroler Dialekt – Italienisch hat er verlernt. Er ist der Vorsitzende des Südtiroler Heimatbundes und Mitgründer der Arbeitsgruppe für Selbstbestimmung. Die Gruppe verteilt Wurfblätter und führt Umfragen durch.

Mit einer neuen Befragung wollen sie herausfinden, ob eine Mehrheit für eine Loslösung von Italien stimmen würde. Die Arbeitsgruppe hat einflussreiche Mitglieder. Zum Beispiel Paul Bacher, Landeskommandant der Südtiroler Schützen. In dem kleinen, von Bergen eingekesselten Land trotzen die Trachtler mit ihren Bataillonen und Kompanien der italienischen Lebensart.

Die Schützen haben fast 7000 Mitglieder – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa einer halben Million. Ihr Sitz ist im Haus der Kultur gleich neben dem Landtag. Sie verfolgen andere Ziele für Südtirol als Mitterhofer: "Wir wollen die Rückkehr zu Österreich", sagt Bacher. Aber er meint, solange sich Italien an alle Vereinbarungen halte, sei das wohl nicht zu machen.


Südtiroler Landeshauptmann kennt ihre Ansichten


Der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder kennt diese Ansichten. Oft sitzt er in seinem Büro im Landtag in Bozen und empfängt zur Bürgersprechstunde. Er spricht ebenso fließend Deutsch wie Italienisch. Seine Wähler rechnen es ihm an, dass Südtirol Vollbeschäftigung hat und keine Schulden; und dass Durnwalder den Anspruch hat, Landeshauptmann für alle zu sein.

Ein eigener Staat Südtirol, wie ihn manche wünschen, wäre schön, sagt Durnwalder, aber er sei Realist. Und es gäbe wichtigere politische Fragen. Schließlich hätten die Südtiroler inzwischen zu einem Miteinander gefunden. Die Einladung zur 150-Jahr-Feier Italiens Anfang des Jahres hat er dennoch ausgeschlagen.

Die Reaktionen haben ihn damals überrascht. Sogar der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano hat ihm einen verärgerten Brief geschrieben.

Er fühlt sich als Südtiroler


"Die können einfach nicht verstehen, dass wir keine Italiener sind", sagt Durnwalder. Er fühlt sich als Südtiroler, als Angehöriger einer österreichischen Minderheit, die einen italienischen Pass hat. Es ist ihm wichtig, dass auch die Jüngeren über die Geschichte des Landes Bescheid wissen: dass Südtirol 1919 annektiert wurde.

Dass die Entente-Mächte den Italienern die österreichische Region versprochen hatten, damit Italien an ihrer Seite in den Ersten Weltkrieg eintrete. Und dass Benito Mussolini die Deutschsprachigen systematisch italienisieren wollte. Der Landeshauptmann selbst hat diese Zeit miterlebt. Sein Vater bekam noch Schläge, weil er einen Tiroler Hut getragen hat. Er selbst musste als Kind den Namen Luigi tragen.

Durnwalder meint, die Leute, die wirklich gelitten haben, hätten es ihm nicht verziehen, wenn er zu der 150-Jahr-Feier gegangen wäre. So geht es dem Landeshauptmann oft: Er muss vermitteln. Bei den mehrsprachigen Ortsschildern, bei der Gestaltung der Standarte, die repräsentativ auch hinter seinem Schreibtisch steht, oder beim Streit über die alten Denkmäler.

In Bozen, der Hauptstadt des Landes, das für Äpfel, Wein und Urlaub bekannt ist, steht das Siegesdenkmal. Ein Triumphbogen inmitten eines Verkehrskreisels. Ganz oben prangt die Inschrift: "Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste."

Über dem Eingang des Finanzgebäudes, ein langgestrecktes graues Bauwerk, prangt metergroß ein monumentales Relief, das Mussolini grüßend auf einem Pferd sitzend zeigt.

"Ein Hitler-Denkmal in Deutschland?"


"Können Sie sich vorstellen, dass in Deutschland ein Hitler-Denkmal steht?", fragt Durnwalder. Erst in den letzten Wochen kam Bewegung in die Denkmäler-Debatte. In den Katakomben unter dem Siegesdenkmal soll jetzt ein Dokumentationszentrum zur Südtiroler Geschichte entstehen. Das Relief über dem Finanzgebäude soll mit einer Milchglasplatte verblendet werden.

Warum aber hängen so viele an diesen Denkmälern? Antonio Frena, Chef der Demokratischen Partei, möchte beschwichtigen. Grundsätzlich würden die Südtiroler gut zusammenleben, betont er. Frenas Büro liegt etwas versteckt in einem mehrstöckigen Haus an einem Stadtplatz in Bozen. Der Politiker spricht gutes Deutsch.

Seine Partei stellt den Bürgermeister von Bozen. Frena hat Verständnis für diejenigen, die sich für die Denkmäler einsetzen: "Von mir aus können sie den Mussolini abbauen und in den Keller der Geschichte bringen", sagt Frena. "Aber für einige Italiener sind sie ein Symbol für Italien, ein Identitätssymbol.

Auch für die Italiener, die nicht rechts wählen." Frena schätzt den Landeshauptmann, aber er meint, "das mit der österreichischen Minderheit" würde zeigen, dass Durnwalder eben doch nicht für alle Südtiroler spreche, sondern nur für die Deutschsprachigen.




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